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Psychische Dynamik

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 Psychische Dynamik bei Vergewaltigungen

Auffallend ist, dass sich vergewaltigte Frauen mit der Person des Täters und dessen möglichen Motiven beschäftigen. In der Beschäftigung mit dem Täter liegt, auch wenn es irrational erscheint, die Hoffnung, der Täter könnte die Tat wieder gutmachen, bereuen, ihr vergeben, sie trösten. Bei einer erneuten Konfrontation mit dem Täter, z. B. Gerichtsverhandlung, erwartet die Frau, auch wenn ihr das eigene Verhalten irrational erscheint, ein Schuldeingeständnis des Mannes oder sogar eine Art Versöhnung. Aber selbst wenn es seitens des Täters zu einem Eingeständnis kommt, setzt der innere Trost nicht ein.

Eine Erklärung für dieses Phänomen, was nicht nur die Vergewaltigung betrifft sondern auch andere Situationen, in denen von außen ein Ereignis auf die Psyche einbricht, kann die Psychodynamik der traumatischen Reaktion bilden. Die Erklärung macht das Verstehen betroffener Frauen leichter.

Hauptkennzeichen einer Vergewaltigung ist ein radikales MachtOhnmacht-Gefälle. In der Situation verfügt der Täter faktisch und in der Wahrnehmung der Frau über Leben und Tod entscheiden zu können. Dadurch wird die Frau in eine massive existentielle Abhängigkeit gezwungen.

Um das eigene psychische Überleben zu sichern, wird die Unterwerfung als einzige Möglichkeit in der Situation gesehen. Der Täter, das Objekt, wird als allmächtig erlebt. Demgegenüber steht die große unbeherrschbare Angst. Beides erzwingt auf Seiten der Frau eine ReInfantilisierung.

Angst, Hilflosigkeit und die Abhängigkeit schaffen einen Regressionsdruck. Der Druck zwingt die Frau in die Situation des kleinen Mädchens der Kindheit. Es werden Verbindungen zwischen aktuellem Erleben und frühkindlichen Situationen von Bedrohungen und Ängsten hergestellt. Diese plötzlich wiedererlebten Ängste überraschen das Ich, denn es glaubte sie als längst überwunden, aber nun sind sie plötzlich wieder reaktiviert.

In der Kindheit galt die Unterwerfung unter die als mächtig erlebte Bezugsperson als Sicherheit, von ihr wurde Hilfe erwartet. Neben die von außen erzwungenen Regression gesellt sich eine innere Notfallreaktion. Intrapsychisch wird nun eine Regulierung zur Bewältigung des Notstands geschaffen.

Nicht nur die reale Situation ist unerwartet, sondern auch die Wiederkehr des Verdrängten. So wie das scheinbar längst überwunden geglaubte (kindliche Angstphantasien) wieder wahr wird, verwischen sich die Grenzen zwischen Realität und Phantasie. Die Folge sind Gefühle von Unwirklichkeit und Desorientierung. Wie bei einem Kind, das auf Hilflosigkeit so reagierte, indem es sich der allmächtigen Bezugsperson zuwendete, setzt bei der Frau die Suche nach einem HilfsIch ein. 

Das HilfsIch soll die ihr in der Situation verloren gegangene Einfluss-möglichkeit stellvertretend übernehmen. Die Hoffnung ist, die Bezugs-person möge die Situation zum Guten wenden.

Fatalerweise gerät in der Vergewaltigungssituation der Täter aufgrund seiner Machtposition in die Rolle der so sehnlichst herbeigewünschten Bezugsperson. Ausgerechnet der Täter wird also vom Opfer in einem ganz radikalen Sinne als Beschützer und Garant des eigenen psychischen Überlebens erlebt.

Die vom Opfer erhoffte Hilfe, die Wiedergutmachung und die Beendigung des psychischen Schmerzes, findet trotz Unterwerfung nicht statt. Dies entspricht auf der Ebene der unbewussten Objektbeziehung, dem Verlust der Liebe des primären Objektes (Bezugsperson). So bleibt das Opfer in einer ausweglosen Situation gefangen, denn es glaubt, nur wenn es die Liebe des Täters gewinnt, kann es dessen Hass überleben.

Introjektion wird als Kern des Vergewaltigungstraumas bezeichnet. Es bedeutet, dass das Opfer das Bild in sich aufnimmt, was der Täter vom Opfer entwirft; eine minderwertige Existenz ohne eigene Rechte, eine Frau die es gewollt und verdient hat. Introjeziert wird das von der Bezugsperson angebotene Bild des bösen Kindes. Dieses hat es verdient so behandelt zu werden. Die aktive Unterwerfung unter die Bezugsperson führte im Normalfall zur Versöhnung.

Das Opfer versucht mit Hilfe der Introjektion, dass es wieder geliebt wird und dass es der psychischen Todesangst entrinnen kann. Die Folge ist, dass der Verfolger hier wie das primäre Objekt gesehen wird. Der Wunsch richtet sich also an ihn und er wird so behandelt, wie die Frau ihrem Primärobjekt bei Liebesverlust begegnet ist..

Vergewaltigte Frauen haben deshalb häufig das Gefühl, zur Komplizin des Täters geworden zu sein. Die damit verbundenen Schuld- und Schamgefühle tragen dazu bei, dass das Selbstwertgefühl weiter untergraben wird.

Alltäglicher Sadismus in der Gewaltdiskussion

Praxis Dipl.Psychologe Hans Jörgen Wevers


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