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Gestaltgebet

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© Mandalon Verlag 1996- 2006.

Was hat damals in den 70er-Jahren das Gestaltgebet für Dich bedeutet ? (Urs Weibel)

Ja das ist so eine Sache. Ich kam um 1972 mit dem Gestalt-Gebet in Kontakt. Ich war gerade 27 Jahre alt. Damals war das Gebet für mich selbstverständlich. Es war eine Erleichterung für mich. Ich wurde in einem Atmosphäre katholischer Bescheidenheit erzogen, wo das Wort "Ich" ein Vergehen war und ich mich schämte und Schuldgefühle hatte, wenn in meinen Aufsätzen das Wort "Ich" vorkam. So fiel dieser neue Werte-Kanon bei mir auf fruchtbaren Boden. Damals war ich so stark mit der "Humanistischen Bewegung" identifiziert, dass ich nicht einmal daran dachte zu reflektieren was da mit mir geschah und was das eigentliche "Neue" an diesen "Glaubenssätzen" war. Später dann wurde mir klar wie dadurch der damals in unserer Gegend wichtige Glaubenssatz "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" neu gedacht werden konnte. Den Nächsten zu lieben stand für mich und uns alle im Vordergrund. Das Gestaltgebet hat mir damals erlaubt vorerst mich zu lieben, mich ernst zu nehmen, und ohne Schuldgefühle mich als wichtig im Kontakt zu andern zu erfahren.

Du sagst, Du hast gelernt, Dich selbst zu lieben. Ist denn das nicht einfach eine Umkehrung von einer Einseitigkeit in eine andere? Oder anders gesagt von einer Selbstentfremdung in eine Selbstverliebtheit?

Das gilt für heute unbedingt. Damals war es, denke ich, eine gesamt-gesellschaftliche Befreiung aus starren Normen und andererseits für meine persönliche Entwicklung ein Pendelschlag in die Gegenrichtung, ein Ausgleich sozusagen. Die Geisteshaltung der 69er Jahren, z.B. die Beatels, die Atmosphäre um Woodstock, die Blumen-Kinder, hat in der westlichen Welt einen Kreativitätschub ermöglicht. Ich meine damit Veränderungen auf vielen Ebenen wie antiautoritäre Erziehung, neue Formen von Zusammenleben, Kritik an Kriegen wie Vietnam, Friedensbewegung, Entwicklung des Umwelt-Bewusstseins.

Ich will damit nicht sagen, dass das Gestaltgebet diese Wirkungen in der Gesellschaft hatte, vielmehr ist das Gestaltgebet eine Ausdruck einer Strömung in der Gesellschaft, die sich durch Fritz Perls manifestiert hat. Meine persönliche Entwicklung ist jedoch stark durch dieses Gestaltgebet angeregt worden. Ich bin 1971 mit den Filmen von Perls in Berührung gekommen. die mich sehr aufgewühlt und bewegt haben. In der Folge kamen weitere Einflüsse von Rogers, Moreno, Buber u.a. dazu, die mich vollends in die Richtung eigenständiger Gestaltung meines Lebens führten, die mich heute noch stark prägen.

Du sagtest, damals sei die Entwicklung in Richtung Egoismus richtig gewesen. Muss ich daraus schließen, dass Du heute das nicht mehr so siehst?

Ja in der Tat. Und zwar geht es um das Thema "Grenze" das im Gestaltgebet zum Ausdruck kommt. Das Gestaltgebet ist aus meiner heutigen Sicht zu stark auf das Ziehen von Grenzen zwischen den Menschen ausgerichtet. Entscheidend ist aber das Fehlen des Begriffes, der die Grenzen zwischen den Menschen wieder durchlässig macht. Also müsste das Gestaltgebet um diese Dimension ergänzt werden, da eine wesentlicher Teil davon einen gewisse Gefahr der menschlichen Entfremdung in sich birgt.

Wir leben in einer Zeit in der Entfremdung ein ernsthaftes Problem für die Menschen geworden ist. Und zwar meine ich damit eine multiple Entfremdung. Das meint, dass der Mensch sich selbst, seinem Leib, seinen Gefühlen, seiner Zeit, die er zu leben hat, fremd geworden ist, aber auch seine Mitmenschen, seiner Arbeit, seiner sozialen Welt, der Umwelt und Natur gegenüber.

In unserem Zusammenhang interessiert mich da vor allem die Entfremdung zu sich und zu den Mitmenschen. Dabei bietet das Gestaltgebet nicht gerade viel an um diesen Aspekt der Entfremdung zugunsten des Mit-Einander-Seins aufbauen zu helfen. Wir-heit als Erfahrung ist vielen Menschen fremd. Wenige Menschen bauen einen liebenden Kontakt zu ihren inneren verborgenen und rätselhaften Seiten auf, noch können sie sich auf die vielen Nuancen ihrer Mitmenschen einstellen. Es sagte einmal ein Denker, dessen Name mir entfallen ist: nichts sei dem Menschen unangenehmer als das Anders-Sein der Mitmenschen.

All das bedeutet, das Gestaltgebet mit dem größtenteils fehlenden integrativen Aspekt des Wir’s zu ergänzen. Das ist keine Zauberformel mit der über Nacht sich gravierendes ändern würde. Die Ergänzung sind wir uns aber schuldig. Sie ist notwendig, weil das Gebet in der Perl´sschen Version ausgedient hat. Weil es verantwortungsvoll den heutigen Zustand der Menschen berücksichtigt. In einer Persönlichkeit oder Gemeinschaft wo die Polarität zum Egoismus keinen Platz hat pervertiert dieser und auf dem Höhepunkt wandelt sich die Polarität und der Gegenaspekt kommt an die Oberfläche, und wird zur Figur. So kann diese Diskussion ein Ausdruck dieses Invertierens sein.

Das was Du ausgeführt hast kann ich gut nachvollziehen. Kannst Du an einem eigenen Beispiel zeigen was Du damit meinst.

Mir fällt dabei gerade eine Begebenheit ein, die kürzlich erlebt habe. Bis dahin bin gut zurecht gekommen mit der Zusammenarbeit der Trainer in den Gestalt-ausbildungsgruppen. Klärend muss ich sagen, dass ich mit Zusammenarbeit eigentlich Nicht-Zusammenarbeit meine. da ich davon ausgegangen bin, dass jeder seine "Arbeit" macht.

Als es nun aber um die weitere "Zusammenarbeit" in einer neuen Ausbildungsgruppe ging, wollte die Kollegin nicht mehr mit mir "Arbeiten". Diese klare Botschaft schreckte mich auf. Wir vereinbarten mit der Leitung des Institutes ein Treffen. Bereits im Vorfeld spürte ich, dass ich die Kollegin nicht verlieren wollte. Doch war mir auch klar, dass an realer Beziehung wenig da war war. Der Wandel der Einstellung hat sich bei mir während dieses Treffens ereignet. Ich wusste, ich kann weiter nach dem Konzept der Traineraufteilung die Ausbildungsgruppen leiten und verliere eine Kollegin, die andere Bedürfnisse hat, als ich sie bis anhin hatte. Der deutliche Wunsch und die klare Entschlossenheit dieser Kollegin hat mich in Bewegung gebracht, und ich erfuhr Vertrauen, Nähe und thematische Klarheit zu meiner Kollegin und den anderen Teilnehmern des Treffens.

In dieser Begebenheit habe ich genau das erlebt, was im Gestaltgebet fehlt. Nämlich der Aspekt, dass es nicht nur ein Ich und ein Du gibt, sondern dass, dieses Du, wenn ich offen bin, es zu erfahren, mich verändern kann. In diesem Falle hat es das, und ich bin dankbar dafür.

Nachfolgend zeige ich eine ergänzende Version des Gestaltgebetes.
Ich möchte dabei vor allem den Aspekt der Wir-heit betonen.

Ich tu, was ich tu
und gebe auch Dir meine Aufmerksamkeit;
und du tust was du tust.
Und du nimmst mich auch wahr.
Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben,
und doch bist du dir bewusst, dass ich dich beeinflussen kann.
Und du bist nicht auf dieser Welt, um nach meinen Erwartungen zu leben.
Und ich weiß, dass du manchmal eine Wirkung auf mich haben kannst.
Du bist du, und ich bin ich,
Und manchmal sind wir ein Wir.
Und wenn wir uns zufällig finden, -wunderbar
Wenn nicht, kann man nichts machen,
Und wenn wir uns nicht finden, kann ich mich um dich bemühen

Praxis Dipl.Psychologe Hans Jörgen Wevers


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