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GestaltTherapie

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© Mandalon Verlag 1996- 2006.

Und bist du nicht willig, dann brauche ich Gestalt

"Ich tu, was ich tu; und du tust was du tust”. Dieser Satz von Perls war und ist ein Kennzeichen der Gestalttherapie. Ein Satz, der in dieser Verkürzung banal klingt und zu vielen Interpretationen anregt.

Man kann den Satz dazu verwenden, grundsätzlich nur die eigenen Interessen durchzusetzen. Was mit meinem Gegenüber ist, darum brauche ich mich nicht sonderlich kümmern, dafür muss dieser ja letztlich selbst sorgen. Offensichtlich will dieser Ausspruch von Perls das Gegenüber auf sich und seine autarken Anteile verweisen. Ein so begründetes Verhalten zieht eine Trennungslinie zwischen den einzelnen Menschen. Es kann als Argument für einen Rückzug aus dem Kontakt mit den anderen verwendet werden. Ein Argument mehr für eine Ellenbogengesellschaft unserer heutigen Zeit.

Die Gestalttherapie als Behandlungsmethode ist wie jede Methode nicht davor geschützt, dass das methodische Vorgehen, sich in eine antisoziale Motivation verkehrt, obwohl Mitgefühl und psychosoziales Engagement ausgelöst werden sollte.  Was zur persönlichen Reifung angeboten wird, kann auch immer für rücksichtsloses Weiterkommen eingesetzt werden. Gestalttherapie haftete einige Zeit der Ruf an, die Therapie der Konfrontation zu sein. Und manche glauben, dass Konfrontation in der Gestalttherapie ein methodischer Kunstgriff schlechthin ist.

Von Perls her wissen wir, dass er, bei allem Wichtigen und Stützenden, was er für Menschen erwirkt hat, auch egozentrisch und sehr narzisstisch veranlagt war. Es gibt einige Anekdoten über ihn, die belegen, mit welcher Rigorosität er oftmals mit Patienten umging. Für Menschen mit einer guten IchStruktur mag das eine heilsame Konfrontation gewesen sein. Für Menschen mit frühen Störungen war das Gift für ihre Seele.

Ebenso verkürzt wie der obige Satz ist der Spruch "Du kannst nicht”, gibt es nicht, es heißt dann, "Du willst nicht”. Dieser Satz ist immer wieder ein beliebter Spruch bei Gestalttherapeuten. Was mit diesem Ausspruch nicht anerkannt wird, ist, dass es auch einen Bereich des "NichtKönnen” bei Menschen gibt. Wenn für "NichtKönnen” kein Platz mehr in unseren Grundgedanken ist, dann unterliegen wir der fatalen Auffassung des "Alles Machbaren”.
Die Lösung von Problemen ist einfach, man muss eben nur wollen. Für die Gesellschaft, für eine Gruppe ist das Problem mit diesem Anspruch gelöst, denn die Lösung liegt eben nur in der Bereitschaft und im Einsatz des Einzelnen. Alle Lösungen werden auf individuelle Lösungen abgeschoben und verlagert.

Fakt ist aber, mit einer das "NichtKönnen” ausschließenden Grundhaltung im gestalttherapeutischen Zusammenhang wurde und wird Klienten psychische Gewalt angetan.

Widerstand bedeutet in einem solchen Verständniszusammenhang ein "Sich-Nicht-Einlassen”, ein Blockieren, ein "Nicht-Weiter-Wachsen” wollen. Entsprechend narzisstisch gekränkt reagieren Gruppe und Leiter auf den oft notwendigen Widerstand von Klienten. Anstatt die Form der Äußerung als ein die Person kennzeichnendes wertvolles Verhalten anzunehmen, wird oft der äußere, der psychische Druck auf den "Gestalt-Verweigerer” erhöht. Wenn die persönliche Abwehr durchbrochen ist, ist das Ziel anscheinend erreicht.
Kann der Klient viel aushalten und gelingt ein Durchbruch nicht und ist die Gruppe und der Leiter darüber genug gekränkt, dann wird oft Versuch gestartet, den Klienten aus dem therapeutischen Umfeld zu entfernen. Manchmal geschieht das mit Worten wie "der Klient ist nicht kommunikationsfähig”, "er ist uneinsichtig und stur”, er kann zwischen "seinem und dem Problem der anderen nicht unterscheiden, "er entzieht sich dem Prozess.

Der Trotz, die massive Abwehr des Klienten wird in einem solchen Interventionssystem nicht als rettende Äußerungen verstanden, sondern als ein "Nicht-Arbeiten-Wollen” deklariert und entsprechend sanktioniert. Vergessen wird dann nur zu leicht, dass jede Abwehr einen wichtigen, persönlichen Ursprung und oft eine schmerzliche Geschichte hat. Anstatt einen solchen Klienten mit seiner Unfähigkeit zu konfrontieren, ist es wichtig ein verständiges Umfeld zu schaffen. Wenn sich die äußere, auch vermeintliche Bedrohung für den Klienten verändert, dann wird für ihn diese Form der Abwehr nicht mehr nötig sein. Der Klient kann sich jetzt ohne äußeren Druck öffnen. Für solches therapeutisches Vorgehen ist vielleicht etwas mehr Zeit notwendig, als mit einer Konfrontation die Abwehr zu überwinden.
Es ist weniger spektakulär und vollzieht sich in kleinen Schritten des Vertrauen-Findens. Auf jeden Fall werden mit diesem sanften Abschmelzen die Grenzen und die Ressourcen des Klienten geachtet. Dann wird GestaltTherapie zu einer sanften und geduldigen Therapie, die die Bedürfnisse des Klienten nach Schutz wertschätzt. Erst wenn wir den Klienten in seiner Abwehr und in seinem Abwehrverhalten wertschätzen und annehmen, kann er eine Verbindung zur eigenen negativen Selbstbewertung bekommen.

"Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben, Und du bist nicht auf dieser Welt, um nach meinen Erwartungen zu leben. Du bist du, und ich bin ich”, verweist uns darauf, uns als eine vollständige Existenz mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu begreifen. Der Fokus des Satzes liegt auf der Selbstwahrnehmung. Das Zentrieren auf Selbsterkenntnis und Selbstwahrnehmung wurde mit dem Verbreiten der Humanistischen Psychologie fast zu einer kultischen Bewegung. Alle sprachen von Selbsterfahrung. Das musste man mal gemacht und erlebt haben. Die einen schwörten darauf, andere waren enttäuscht, hatten alles andere als für sie aufbauenden Erlebnisse. Was so einfach und banal klingt, bedarf einer näheren Betrachtung.

Selbsterfahrung kann nur mehr oder weniger gut glücken. Ein entscheidender Faktor ist, dass eine IchAndereUnterscheidung möglich ist. Ist doch klar, klingt sehr einfach und kann doch jeder Erwachsene. Leider stimmt das so nicht. Diese Fähigkeit der IchAndereUnterscheidung entwickelt sich zwischen dem 2. und 5. Lebensjahr. Je nachdem wie es uns möglich war, uns in unserer familiären Umgebung persönlich zu entfalten, ist diese Fähigkeit entwickelt oder verkümmert. Um uns selbst zu erfahren, brauchen wir äußere Reize und andere Menschen, die sich für uns wie ein Spiegel verhalten. Vielen Menschen fällt es dann schwer zwischen dem eigenen Selbst und den anderen zu unterscheiden. Es liegt an den Lernerfahrungen, die wir in unserer Kindheit gemacht haben.

Eine IchAndereUnterscheidung ist ein fortschreitender Entwicklungsprozess im zweiten Lebensjahr. Dem Kleinkind wird in diesem Alter zunehmend bewusst, dass "Ich und der Andere physisch getrennte Einheiten ” sind. Ein wichtigstes Kennzeichen einer solchen Selbstkonzeptbildung ist eine Selbstobjektivierung. Für die Selbsbtobjektivierung muss dem Kind eine Unterscheidung der Wahrnehmungskategorien "Figur ” und " Grund ”, "Grenze ” und "Zentrum ” sowie "Angetroffenes ” und "Vergegenwärtigtes ” gelingen. Die IchAndereUnterScheidung gelingt erst, wenn die Selbstobjektivierung eine bewusste IchErfahrung ermöglicht. Es ist in dieser Entwicklungsphase ein Erkennen des Selbst und des Anderen auf einer konkreten Vorstellungsebene.

Selbsterkennen ist also eine Fähigkeit, die erst allmählich durch einen Reifungsprozess entsteht. Einflussgrößen in diesem Reifungsprozess bilden ein gezieltes Bereitstellen bestimmter Lernerfahrungen. Als wichtiger Erfahrungshintergrund gehört konkret hierzu:

  • adäquate Ernährung,
  • ausreichend Schutz,
  • insbesondere aber auch ein soziales Klima von wohlwollender und einfühlsamer Zuneigung.

Solche Voraussetzungen sorgen für die optimale Entfaltung der Anlagen des Kleinkindes.

Das Kind durchschreitet bei diesem Prozess verschiedene Stadien. Zunächst setzt ein Kleinkind eigene innere Zustände mit denen anderer gleich. Erst mit der wachsenden Fähigkeit zur PerspektivenÜbernahme im dritten Lebensjahr eröffnet sich dem Kleinkind ein Bewusstsein dafür, dass sich Gefühle und Bedürfnisse des Anderen möglicherweise von den eigenen unterscheiden. Das Kleinkind kann dabei allerdings noch nicht erfassen, worin dieser Unterschied besteht. Für die Fähigkeit des " AufdenAnderenzentriertsein” muss es die eigene innerliche Verfassung zurückstellen und den Belangen des anderen Vorrang einräumen können.

Es sieht so aus, als ob ein Kind tatsächlich erst mal nicht in der Lage ist, mehrere Standpunkte gleichzeitig zu berücksichtigen. Zunächst scheint es immer den eigenen Standpunkt aufzugeben, wenn es sich einen anderen zu eigen macht. Wenn die Sozialisation des Kleinkindes diese Fähigkeit, eigene Belange zurückzustellen, allerdings nicht in angemessener Weise fördert, kann sie verkümmern oder in falsche Kanäle geleitet werden. Dann freilich mag es geschehen, dass sich die prosoziale Potenz nicht entfaltet oder sogar zur Basis für antisoziale Verhaltensformen wird.

Den Gestaltsatz als eine Botschaft aufzunehmen, sich um den anderen nicht oder nicht sonderlich zu kümmern, verstärkt nur das, was viele in ihrer Kindheit dann auch so erfahren haben. Es stellt eine Phase dar, in der wir uns als Figur vom Grund abheben wollen, um uns als eigene Existenz zu begreifen. Dann war und ist es notwendig, unsere Grenzen und unser Zentrum zu spüren. Dort kann und darf die soziale Entwicklung nicht stehen bleiben.
Es gehört ein weiterer wichtiger Schritt hinzu. Im Gegensatz zum Kleinkind ist es für einen Erwachsenen nicht nötig, den eignen Standpunkt zu verlassen, um mit anderen Kontakt aufzunehmen. Wir müssen aber den Standpunkt des anderen erfassen und als solchen erkennen und würdigen können. Es reicht nicht, verschiedene Standpunkte einnehmen zu können. Es darf nicht die Fähigkeit verkümmern, die eigenen Belange bewusst zurückstellen zu können. Nur so lernen wir kompetent, mehrere Standpunkte gleichzeitig zu berücksichtigen und anderen Menschen notwendigen Lebensraum zu geben. Soziales denken hilft uns wenig, wenn wir nicht sozial handeln.

Gestalttherapie trainiert und verfestigt genau die Wahrnehmungskategorien, die wir als Kind für unsere Selbstobjektivierung benötigten. Vielleicht ist dieser therapeutische Ansatz deswegen so populär und verbreitet. Im gestalttherapeutischen Setting geht es immer um "Figur - Grund ” , "Grenze - Zentrum ” und "Angetroffenes - Vergegenwärtigtes ”. Um eine prosoziale Kompetenz zu erweitern oder zu verfestigen, darf das gestalttherapeutische Handeln auf dieser Stufe nicht stehen bleiben.
Praxis Dipl.Psychologe ans Jörgen Wevers  


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