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Brachliegen

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Brachliegen - oder die Fähigkeit, sich zu regenerieren

Es war bei den Bauern üblich, ein Feld immer wieder einmal ein Jahr lang brachliegen zu lassen, nachdem es geeggt und gepflügt worden war. Es diente dazu, dass der Boden sich regenerieren konnte. Ich erinnere mich, dass ich schon lange den Wunsch hatte, ein Jahr aus den allgemeinen Verpflichtungen auszusteigen, brachliegen zu dürfen. Bisher ist mir bisher nicht gelungen, der Wunsch ist immer noch in mir.
Brachliegen hat nichts zu tun mit gleichgültiger Leere oder einem müßigen Stillstand im Seelenleben, genauso wenig ist es eine Flucht aus quälender Zweckbezogenheit oder pragmatischer Geschäftigkeit.
Es ist eine muntere Stille mit gesteigertem, aufnahmebereitem Wachsein. Obwohl das Brachliegen privater und persönlicher Natur ist, brauchen wir normalerweise die Eingebundenheit in die Gemeinschaft, um es aufrechterhalten und aushalten zu können. In Isolation wie die eines Einsiedlers kann man einen solchen Zustand herstellen, er ist für die meisten jedoch schwer zu ertragen. Die Buddhisten kennen dafür das Ritual des
Retreats “Rückzug “.

Was kann uns die Erfahrung des Brachliegen nutzen?

Ein Rückzug stärkt unser ICH und bereitet uns auf kommende Aufgaben vor. Er bildet die energetische Grundlage für die meisten unserer schöpferischen Anstrengungen. In aller Regel erfahren wir den Zustand des Brachliegen im Stillen, wenn wir alleine sind. Sein Ausdruck ist mehr ein Bild als Worte.
Damit kann man Brachliegen zur schöpferischen, künstlerischen Tätigkeit in Beziehung setzen. Der Schaffende lebt in einer frei beweglichen Innerlichkeit, in der er die immanente Offenheit in Bildern festhält. Wenn jemand brachliegt, dann zeigt das vor allem, dass er mit sich selbst - ohne einen bewussten Vorsatz - allein sein kann.

Etwas, das uns heute besonders schwer fällt und von unserer Gesellschaft nicht als sonderlich wertvoll gesehen wird. Ein großer Teil der Kraft des jetzigen Menschen wird verwendet, um Ablenkung zu finden. Und wenn das nicht gelingt, dann flüchten viele Menschen in einen Zustand von Kränklichkeit und Hinfälligkeit, die ihre Zeit dann in Anspruch nehmen. Das UmhergetriebenSein und - Werden ist die Sehnsucht nach Zerstreuung, um die innere Leere zu füllen. Ein innerer Wert fehlt, und so versuchen die meisten Menschen, diesen inneren Wert vergeblich mit äußeren Schätzen zu besetzen.
Wir haben hohe Ansprüchen an die Welt. Es soll für uns gesorgt werden. Freizeitparks, Unterhaltungsangebote überall, bis hin zum organisierten Massentourismus oder Psychoreisen. Da ist ein Anspruch an die Welt zu beobachten, der übermäßig ist, der verlangt, dass die andern sich auf uns einstellen, der aber wenig Verständnis dafür aufbringt, eine eigenverantwortliche Beziehung zu sich selbst zu unterhalten. Nur wenige Menschen sehen es als ihre Aufgabe an, zu sich selbst in Beziehung zu treten. Wir haben unsere schöpferische Tätigkeit durch Arbeit und unser Brachliegen durch träge und organisierte Freizeit ersetzt.

Brachliegen ist eine Fähigkeit des Menschen, bei der man

  1. akzeptiert, dass man selbst eine von andern getrennte Person ist,
  2. aushält, dass man sich mit den anderen nicht im Austausch befindet,
  3. dass man eine verminderte Bezogenheit zur Welt und von der Welt erfährt.

M.M.R.Kahn, Hidden Selves-Between Theory and Practice in Psychoanalyse, 1983 by M.M.R.Kahn   

Praxis Dipl.Psychologe Hans Jörgen Wevers


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